Mit Spaten und Wettbewerb gegen die Versiegelung: Was „Tegelwippen“ über urbane Transformation verrät
In Zeiten steigender Temperaturen, zunehmender Starkregenereignisse und schwindender Biodiversität suchen Städte weltweit nach pragmatischen Wegen, um ihre Lebensräume klimaresilienter zu gestalten. Aus den Niederlanden kommt dazu ein bemerkenswerter Impuls: Der Wettbewerb „Tegelwippen“ motiviert Bürgerinnen und Bürger, Pflastersteine in ihren privaten oder gemeinschaftlichen Flächen zu entfernen und durch Grünflächen zu ersetzen. 2024 wurden im Rahmen dieser Aktion über 5,5 Millionen Steine durch Pflanzenbeete ersetzt – eine beachtliche Zahl, die nicht nur Symbolwirkung hat, sondern reale Veränderungen anstößt.
Einfaches Prinzip, greifbarer Nutzen: Wie Entsiegelung lokal wirkt
Der Kern des Konzepts ist denkbar einfach: Jede Person, die in einer Stadt lebt – ob in einem Eigenheim, einer Schule oder in einem städtischen Kontext – kann sich beteiligen, indem sie versiegelte Flächen entfernt und stattdessen bepflanzt. Die Motivation wird durch einen Wettbewerb verstärkt: Gemeinden und Städte treten gegeneinander an, dokumentieren die Anzahl der entfernten Pflastersteine und veröffentlichen ihre Fortschritte in öffentlich einsehbaren Rankings.
Die unmittelbaren Vorteile liegen auf der Hand: Regenwasser kann durch entsiegelte Böden besser versickern, was die Kanalisation entlastet und Überschwemmungen vorbeugt. Begrünte Flächen wirken kühlend und tragen zur Abmilderung von Hitzewellen bei – insbesondere in dicht bebauten Stadtgebieten. Zusätzlich entsteht neuer Lebensraum für Insekten, Vögel und andere Tiere, die durch die zunehmende Versteinerung urbaner Räume zunehmend verdrängt wurden. Auch das soziale Klima profitiert: Bewohnerinnen und Bewohner gestalten ihre Umgebung aktiv mit, was das Verantwortungsgefühl stärkt und gemeinschaftliche Identität fördern kann.
Strukturelle Grenzen: Warum Tegelwippen allein nicht reicht
So überzeugend das Modell auf den ersten Blick erscheint, es offenbart bei genauerem Hinsehen auch strukturelle Schwächen. Die Teilnahme am Wettbewerb setzt bestimmte Voraussetzungen voraus – ausreichend Zeit, körperliche Fähigkeit, Zugriff auf einen Garten oder ein Vorgartenstück. Das bedeutet auch: Viele Stadtbewohnerinnen und -bewohner sind ausgeschlossen, insbesondere jene in dicht besiedelten Quartieren mit hohem Mietanteil und wenig privatem Außenraum. Hier entstehen soziale Unterschiede in der Möglichkeit zur Mitgestaltung, die in der Diskussion oft zu kurz kommen.
Ein weiterer kritischer Aspekt ist der langfristige Pflegeaufwand. Beete wollen erhalten, bewässert, gepflegt und saisonal angepasst werden. Ohne kontinuierliche Unterstützung drohen neu angelegte Grünflächen zu verwildern oder ungenutzt zu verkommen. Auch hier braucht es ergänzende Strukturen – etwa durch städtische Gärtnerdienste, Nachbarschaftsinitiativen oder finanzielle Förderungen für Pflegepatenschaften. Andernfalls bleibt die Wirkung punktuell und kurzlebig.
Vom Wettbewerb zur Strategie: Was urbane Resilienz wirklich braucht
Tegelwippen erfüllt eine wichtige Funktion: Es lenkt Aufmerksamkeit auf ein Thema, das lange vernachlässigt wurde – die Notwendigkeit, Flächen in Städten zu entsiegeln und aktiv zu begrünen. In dieser Funktion als Impulsgeber funktioniert der Wettbewerb hervorragend. Doch eine dauerhafte Veränderung urbaner Infrastrukturen wird sich nicht allein durch freiwillige Einzelinitiativen erreichen lassen. Was es braucht, ist eine koordinierte, öffentlich getragene Strategie, die städtebauliche Entwicklung konsequent mit Klimaanpassung verzahnt.
Dazu gehört der Umbau von Straßen- und Platzflächen mit struktureller Entsiegelung ebenso wie die gezielte Begrünung öffentlicher Dächer und Fassaden. Auch rechtliche Rahmenbedingungen und Förderinstrumente müssen angepasst werden, um nicht nur punktuelle Aktionen, sondern langfristige Transformation zu ermöglichen. Nur dann kann aus einer gut gemeinten Bürgerinitiative ein wirkungsvoller Baustein in der Klimaanpassung urbaner Räume werden.
Fazit: Gute Idee mit begrenzter Wirkung – aber großem Potenzial
Der niederländische Wettbewerb „Tegelwippen“ zeigt, wie einfach Bürgerbeteiligung aussehen kann – und wie wirkungsvoll kleine Veränderungen im Stadtbild sein können. Doch das Modell stößt dort an Grenzen, wo strukturelle Rahmenbedingungen fehlen. Ohne ergänzende Strategien, Fördermittel und langfristige Pflegekonzepte wird aus dem kreativen Wettbewerb kein dauerhaft wirksames Instrument. Dennoch bleibt der Ansatz wertvoll: als Signal, dass urbane Klimaanpassung nicht in Verordnungen beginnt, sondern bei den Menschen vor der eigenen Haustür.